Ab durch die Mitte: Warschau

350 Kilometer zu den Karpaten, 350 Kilometer zur Ostsee – zentraler geht’s nicht. Zumindest nicht in Polen. Warschau liegt wirklich mitten in Polen – die Haupt- und größte Stadt des Landes ist das Zentrum, ist Dreh- und Angelpunkt des polnischen Lebens.

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Das war nicht immer so: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren nur noch 20 Prozent von Warschau übrig. Den Rest hatten die deutschen Besatzer bewusst und vorsätzlich zerstört. Sie wollten die Polen ihrer nationalen Identität berauben. Aber der polnische Nationalstolz hielt im Gegensatz zur Warschauer Bausubstanz den deutschen Angriffen stand.

Sobald nach dem Krieg mehr Ruhe einkehrte, wurden die fehlenden 80 Prozent der Stadt wieder aufgebaut. Und zwar genau so, wie sie vorher aussah. Woher man wusste, wie die zerstörten Gebäude vorher genau aussahen? Vorbilder für die Rekonstruktion waren oft Bilder des Malers Bernardo Belotto (genannt Canaletto). Dieser hielt das Gesicht Warschaus im 18. Jahrhundert in zahlreichen realistischen Stadtansichten fest. Wer heute Polens Metropole besucht, bewundert den alten barocken, gotischen oder klassizistischen Stadtkern – und ist sich oft gar nicht bewusst, dass die Häuser und Paläste meist nicht älter als 50 oder maximal 60 Jahre sind.

Der Marktplatz zum Beispiel, der sich in der Altstadt, der „Stare Miasto“, befindet. Was nach dem Krieg noch übrig war, war ein Rechteck von 73 mal 90 Metern und ein paar Grundmauern. Liebevoll wurden hier scheinaltertümliche Häuser wieder aufgebaut. Bunte, kleine Bauwerke gruppieren sich um den Platz, in dessen Mitte das Denkmal der Warschauer Sirene steht. Die Nixe, mit Schwert und Schild bewaffnet, taucht auch im Stadtwappen auf. Der Legende nach hat sie den Warschauern, die ihr einst in einer Notsituation geholfen haben, versprochen, der Stadt bei Gefahr zur Seite zu stehen.

Unweit des Marktplatzes befindet sich die Rekonstruktion des Königsschlosses. Fassade und sogar Innenräume wurden auf den nach dem Krieg übrig gebliebenen Grundmauern barock, klassizistisch und gotisch wieder aufgebaut. Das Schloss ist sozusagen das Denkmal der Nationalkultur: In ihm finden Ausstellungen, Konzerte und wissenschaftliche Tagungen statt. Vor dem Schloss steht das Abbild einer weiteren für Warschau wichtigen Persönlichkeit: die 22 Meter hohe Sigismund-Säule, das Wahrzeichen der Stadt. König Sigismund III. Wasa gab es im Gegensatz zur Sirene aber erwiesenermaßen wirklich, er hat Warschau 1596 zur Hauptstadt Polens ernannt. Auch die barocke Säule war 1944 zerstört worden und wurde rekonstruiert.

Wo die „Könige“ von heute residieren, kann man sich an der Flanierstraße Krakowskie Przedmiescie ansehen: Hier, im Präsidentenpalais, hat seit 1994 der polnische Staatspräsident seinen Sitz. Ein übrigens wirklich geschichtsträchtiges Gebäude: 1955 wurde im selben Gebäude der Warschauer Pakt unterzeichnet, 1989 verhandelte hier die Regierung mit der Solidarnosc-Bewegung. An der Krakowskie Przedmiescie reiht sich ein Prachtbau an den nächsten: das Ministerium für Kunst und Kultur im Potocki-Palais, die barocke Heilig-Kreuz-Kirche, das Palais Kazimierzowski mit dem Rektorat der Universität oder das beeindruckende Universitätsgelände, auf dem sich viele Baudenkmäler befinden.

Ob prachtvoll oder nicht, darüber wird beim höchsten Gebäude Warschaus noch heute gestritten, obwohl seine Fertigstellung schon 50 Jahre zurückliegt: Der Palast der Kultur- und Wissenschaft, kurz Kulturpalast, ist ein Musterbeispiel des sozialistischen Realismus. Er überragt alles und macht auf diese Art jedem Touristen die Orientierung in der Stadt einfacher. Die Idee für den Riesen kam von Stalin, der Entwurf vom russischen Architekten Lew Rudniew und der ganze Palast war ein Geschenk des sowjetischen Volkes an die Republik Polen. Der Kulturpalast sollte das neue Wahrzeichen Warschaus werden. Die polnische Bevölkerung hatte allerdings von Anfang an Schwierigkeiten, den Koloss zu akzeptieren, bei dem sie im Übrigen nur bei der Höhe mitentscheiden konnten. Warschau ist sich immer noch nicht ganz sicher, ob der Kulturpalast nun wirklich das neue Wahrzeichen der Stadt oder doch eher ein Symbol sowjetischer Macht ist. Seine 42 Stockwerke bieten heute (zur Genüge!) Platz für Firmen und öffentliche Einrichtungen, Kinos, Theater, Museen, Buchhandlungen, ein Schwimmbad, einen Jazzclub, Cafés und den größten Konferenzraum Polens. Von der Aussichtsplattform im 30. Stockwerk hat man einen wirklich Atem beraubenden Blick über die ganze Stadt, die wohl bei Sonnenuntergang am allerschönsten ist.

Im Gegensatz zu den Gebäuden unbestritten schön ist in Warschau das Flair. Bis ins Herz der Stadt dringt vor, wer durch den Lazienki-Park spaziert, vorbei am Palac na Wodzie („Palast auf dem Wasser“) und an vielen Pfauen und Enten, vorbei an einem kuriosen Freiluft-Theater und am Chopin-Denkmal. Fryderyk Chopin, obwohl man doch sofort Frankreich mit ihm verbindet, war Pole, und ist einer der Nationalhelden des Landes. Zusammen mit Kopernikus und Adam Mickiewicz, einem polnischen Nationaldichter der Romantik, wird er in der ganzen Stadt hoch verehrt.

Flair hat auch das Einkaufen in Warschau. Neben den aus den anderen europäischen Groß- und Kleinstädten bekannten Ketten gibt es in den Nebenstraßen viele reizvolle kleine Läden, oft indisch angehaucht, mit Räucherstäbchenduft und einer bunten, extravaganten Auswahl an Kleidung und sonstigem. Und das – man muss es fast gar nicht erwähnen – zu unschlagbar günstigen Preisen. Erholen kann man sich in einem der zahlreichen Cafés: Entweder ganz lässig im Polyester in der Nowy Miasto (Neustadt). Oder zusammen mit den Künstlern und Intellektuellen in der Stadt im Café Medzi Nami. Oder stilvoll im Café Blikle in der Prachtstraße Nowy Swiat („Neue Welt“) – in Warschau kann es sich der Durchschnitts-Westeuropäer ironischerweise leisten, im besten Café am Platz einzukehren und, auf einem roten Samtsofa sitzend, zu beobachten, wie Warschaus Oberschicht Kaffee trinkt.

Der Bericht über Warschaus sehenswerteste Ecken könnte ewig fortgeführt werden und könnte doch nicht das vermitteln, was die Stadt an der Weichsel so besonders macht. Sie hat, was Paris und Wien schon lange haben und Berlin nach und nach entwickelt: eine eigene, ganz persönliche Identität. Und das, obwohl die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg fast nicht mehr existierte.

susanne7, 10. März 2010

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